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Wunder aus dem Plattenbau

Schon seit längerem geistert die Einladung, bei diesem Blog als Gastautor mitzuwirken, in meinem E-Mail-Postfach herum. Und nach dem Aufbau eines eigenen Blogs habe ich nun die Zeit, dieser Einladung nachzukommen. In diesem Blog dreht sich bekanntlich alles um die Literatur - Lesetipps für Groß und Klein. Dafür habe ich nun auch geeignetes Material gefunden, welches ich in diesem Blog kurz vorstellen möchte. Viel Spaß beim Lesen!

Die DDR - damit assoziiert man primär Plattenbauten, Planwirtschaft und deutschen Punkrock. Doch es gab im Osten auch eine blühende Literaturszene, die oftmals aus grandiosen Geheimtipps bestand. Das hier besprochene Werk ist das Buch zu einem - ich denke, dieses Unwort darf ich an dieser Stelle mit gutem Gewissen verwenden - Kultfilm der DDR. Die Legende von Paul und Paula erschien 1973 in den Ostkinos und etablierte sich über die Jahre als fester Bestandteil der ostdeutschen Kultur. Der Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf - 1934 in Berlin geboren, 2007 ebenda gestorben - veröffentlichte 1979 die Buchumsetzung des Stoffes Die Legende vom Glück ohne Ende, welche den Film noch weiterspinnt und zu einem verdienten Ende kommen lässt.


Der nachfolgende Absatz beinhaltet wichtige Details der Romanhandlung.
Alles beginnt in der "Singer", Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung, erzählt von einer Nachbarin oder einem Nachbar, immer nur als meine Person bezeichnet. Paul und Paula lernen sich bereits als Kinder in den Wirren des Wiederaufbaus 1945 kennen. Zum Zeitpunkt der Handlung führt er ein vorbildliches Leben, ist verheiratet, hat einen Sohn und arbeitet für den Staat. Paula schlägt sich in einer Kaufhalle durch, ist geschieden und hat zwei Kinder. Als sich die beiden im Laufe eines missglückten Abends in einer Bar kennenlernen, funkt es wieder gewaltig und Paul erkennt, dass sie wie füreinander geschaffen sind. Nachdem Paulas Sohn jedoch nach einer Kinovorstellung überfahren wird, distanziert sie sich von ihrer Umwelt und verlässt ihre Wohnung fast gar nicht mehr. Paul gibt nich auf und bleibt vor ihrer Tür sitzen. Tagelang. Wochenlang. Und nachdem Paula fast eine Beziehung mit Saft, einem vermögenden Ersatzteilhändler im Vierten, anfängt, kommen die beiden doch noch zusammen. Sie schweben förmlich vor Glück, denn nun sind sie endlich vereint. Nach einer wochenlangen Aktion, die ein bisschen an John Lennons Bed-In 1969 erinnert, nehmen Paulundpaula (wie sie nun, als Einheit, stets bezeichnet werden) ein neues Leben in Einheit auf.
Als sich schließlich ein gemeinsames Kind anbahnt, nimmt das Schicksal des Paares eine dramatische Wende, denn Paula wird eine sehr geringe Überlebenschance bei der Geburt des Kindes diagnostiziert, sie entschließt sich zum Empfang ihres Kindes. Nachdem das Unvermeidliche geschehen ist, steht Paul mit Paulas Tochter und dem gemeinsamen Sohn alleine da, als plötzlich Laura, die genau wie Paula aussieht, in sein Leben tritt. Und plötzlich scheint alles wieder besser zu laufen...

Die Legende vom Glück ohne Ende ist ein Paradebeispiel deutscher Erzählkunst. Immer wiederkehrende Einwürfe von einer der handelnden Personen lassen die gesamte Erzählung sehr authentisch und glaubhaft wirken, unterstützt von der Erzählung durch meine Person, einen unmittelbaren Zeitzeugen. Plenzdorf zeichnet sich durch sehr bildreiche Motive innerhalb der Erzählung (Pauls Herzen an Paulas Türe lassen sich beispielsweise noch Jahre später als Graffiti in Charlottenburg finden) sowie durch eine sehr "bodenständige", klare Sprache aus. Die gesamte Erzählweise erinnert an den klassischen Botenbericht, ist aber weitaus differenzierter, fast wie eine Anekdote, die man seinen Kindern erzählt, bei der eventuelle Legendenbildungen gleich im Voraus als Legenden bloßgestellt werden und alles so erzählt wird, wie es sich wirklich zugetragen hat. Doch die Gesamthandlung ist ohnehin schon wie eine Legende: Sie wirkt gleichzeitig so unwirklich und konstruiert, aber dennoch sehr authentisch, auch durch erwähnte Art des Erzählens. Dies geschieht auch innerhalb des Erzählten, da neue Ereignisse rund um die beiden rasend schnell in ganz Berlin bekannt sind und immer ausgefallener und abstrakter weitergegeben werden, was aus dem Einzug bei Paula schließlich zum Gerücht über einen Antiquitätenmarkt in der Singer werden lässt. Das Element des Unwirklichen, des Legendenhaften tritt überraschenderweise durch die DDR-Staatsmaschinerie in Erscheinung, da es sich Paul trotz einer Anstellung bei einer staatlichen Behörde trotzdem - mit Erfolg - nicht nehmen lässt, wochenlang im erfolgreichen Sitzstreik vor Paulas Tür zu sein. Einzig der zweite Teil der Handlung, in welchem Laura in Erscheinung tritt, wirkt doch arg konstruiert und vorhersehbar, was den Gesamteindruck doch trübt, das Buch aber trotzdem nicht von einer Empfehlung als grandiosen Geheimtipp abbringt. Ein wahrlich begeisterndes Buch für jeden, der ein bisschen was mit der DDR (und mit Wundern ;)) anfangen kann!

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen sein sollte, der kann das Buch hier und den Film hier kaufen!



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