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Die 120 Tage von Sodom (Gastbeitrag Maximilian Maria Kaufmann)

(Anaconda Verlag)

"Je heftiger die Aufregung war, desto entwerteter ist das Objekt, wenn es von dieser Aufregung nicht mehr unterstützt wird."

Sprach's, und das ist auch so etwas wie ein zentrales Motto in Marquis de Sades hochkontroversem Werk Die 120 Tage von Sodom oder: die Schule der Ausschweifung. Der Roman entstand 1785 innerhalb von 37 Tagen, als sein Autor gerade in der Bastille eine Haftstrafe - unter anderem wegen der Vergiftung mehrerer Prostituierter und Anwendung von Folter - absitzen musste. Dies sollte der potenziellen Leserin oder dem potenziellen Leser eine Warnung sein, denn das Leben des Marquis spiegelt sich in extremer Form auch in dessen Werk und ganz besonders hier wieder. Die 120 Tage von Sodom sind ein extremes, aber auch ein zutiefst philosophisches Werk und wieso ich dieser Meinung bin, könnt ihr nun erfahren.

Vier sehr einflussreiche Männer, die sich als Libertins (Freigeister) sehen und im Buch auch so genannt werden, beschließen, viermonatige Orgien an einem geheimen Ort in Südwestdeutschland oder der Schweiz (der genaue Standort des nur schwer erreichbaren Schlosses wird nie genannt) zu feiern. Zu diesem Zwecke lassen sie nur die reinsten Knaben und Mädchen als Lustobjekte entführen, zudem noch acht Beschäler, welche ausschließlich nach der Größe ihres Glieds ausgewählt werden sowie vier Dienerinnen, diverses Hauspersonal und vier Erzählerinnen, von denen jede 150 Passionen zur Luststeigerung zum Besten gibt, geordnet nach ihrer Komplexität und Verderbtheit (eine Eigenart der alten, von mir gelesenen Übersetzung). Im Prolog wird die politische Situation Frankreichs gegen Ende der Herrschaft Ludwig XIV. geschildert, welcher in Folge exzessiver Kriegsführung (zum Beispiel während der 1670er-Jahre gegen die Niederlande) die Gelder des Staates und die Hilfsmittel der Völker erschöpfte, doch immer neuen Blutegeln die Gelegenheit bot, das schwer gebeutelte Volk immer weiter in den Ruin zu stürzen, es zu unterdrücken und sich sämtliche Reichtümer des Reiches unter den Nagel zu reißen. Erste These: [...] dieses Gewerbe hatte an seiner Spitze sehr vornehme Herren. Die vier Freunde, Hauptakteure der Orgien, sind der Herzog von Blangis, der Bischof, Durcet und der Präsident von Curval - Archetypen dieser verdorbenen, niederträchtigen und wollüstigen Adelsklasse des anbrechenden 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig sind diese Charaktere aber in ihrer Niederträchtigkeit stark überspitzt und satirisch dargestellt, so ist der Bischof in Wirklichkeit Atheist, begeisterter Päderast und Verabscheuer des weiblichen Geschlechtsteils, während der Präsident früher Höchstrichter war und seine Lust aus der Verurteilung und Ermordung unschuldiger Angeklagter gewinnen konnte, ständig betrunken ist und schmutzige Reden führt, um zum Orgasmus zu kommen.

Nun stellen diese Vier auch eine genaueste Planung für die Orgien auf, die festlegt, wer der Beteiligten welche Sexualobjekte zugewiesen bekommt, wer wann für die Beaufsichtigung der Orgien zuständig ist, und so weiter und so fort. Den groben Erzählrahmen bilden die bereits erwähnten Passionen, diese sind:

  1. Die 150 einfachen Passionen (November)
  2. Die 150 komplexen Passionen (Dezember)
  3. Die 150 verbrecherischen Passionen (Jänner)
  4. Die 150 meuchlerischen Passionen (Februar)
(, deren Inhalte an dieser Stelle nicht genannt werden, Interessierte mögen sich bitte den Wikipedia-Artikel durchlesen)

Diese Passionen werden von den vier Erzählerinnen Duclos, Champville, Martiane und Desgranges erzählt, welche alle schon früh als Lustobjekte verkauft wurden und später ebenso junge Frauen an ihre perverse, zutiefst kranke Kundschaft vermittelten. Dazwischen werden die Orgien, Bestrafungen von Ungehorsamen und die Gespräche der vier Herren geschildert. Diese machen für mich auch den Kern des Werkes aus, denn sie befassen sich oft mit sehr philosophischen Themen, vor allem mit der Rolle von Verbrechen und Gewalt im Leben und ob der Mensch ohne Verbrechen überhaupt zur Lust und zum Glück finden kann. Alle vier sind der Auffassung, dass der Mensch nur durch größte Niedertracht, durch Mord, durch extreme Sinneseindrücke wie faule Zähne oder ungewaschene Körper wahre Lust empfinden könne und alles andere lediglich Blendung sei. In diesem Sinne sehe ich das Werk auch als wahrlich philosophisch an, denn obwohl ich mit Sicherheit ausschließen kann, derartige Gelüste zu haben, so muss man dem Werk doch eine Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen nach dem Sinn im Leben, mit (in diesem Fall extrem abstrakter) Ethik sowie der Frage nach dem Wesen des Menschen (also der Anthropologie) auseinandersetzt. Zumal sind die Aussagen der Herren gerade in ihrer krankhaften Art, ihrer Dekadenz und ihrem vollkommen abwesenden Respekt für anderes Leben auf eine eigene Art und Weise faszinierend. Denn irgendwann stellt sich in dem sehr durch Wiederholung geprägten Text eine gewisse Routine ein, die Leserin/der Leser wird abgestumpft gegenüber der unvorstellbaren Grausamkeiten der vier Libertins und letzten Endes bleibt die persönlichste aller Fragen: Steckt dieses grausame Wesen auch in mir? Gibt es tatsächlich Umstände, die diese abartige Seite zum Vorschein bringen können? Durch die stellenweise sehr eintönige Art zu schreiben schafft es Marquis de Sade nämlich, dass man sich irgendwann selbst in die Vier hineinzuversetzen versucht, und sei es nur, um die - wirklich extrem langatmigen - letzten Seiten endlich vorbei sein zu lassen. Ich unterstelle de Sade hier nicht einmal fehlendes Talent, ich unterstelle ihm lediglich, dass dieser Stil bewusst gewählt wurde, um den Leser weg vom vordergründigen Text und hin zu sich und in sein Inneres zu bringen, um das Monstrum, das laut de Sade in jedem von uns steckt, zum Vorschein zu bringen.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hilft es nichts, Die 120 Tage von Sodom mal eben nebenbei zu lesen oder das Buch angewidert nach 200 Seiten ins Regal zu stellen. Denn die wahre Intention des Buches wird erst nach frühestens drei Vierteln des Originaltextes greifbar, deshalb beginnen auch die erwähnten philosophischen Gespräche spät im Buch. Am Schluss folgt eine sachliche, bürokratisch angeordnete Auflistung aller, die für die Orgien entführt wurden, während oder nach den Orgien ermordet wurden und derer, die nachher wieder nach Hause zurückkehrten. Marquis de Sade liefert keine Aufklärung, kein Happy End und auch keine Begründung oder eine Aussage, die alles ins Abstrakte stellt. Nein, er schließt sein Werk mit einer sturen, kalten Auflistung des Wahnsinns. Und das ist ein letzter gemeiner Kniff, mit dem der Leser über die Zweifel an seinem tiefsten Inneren komplett im Dunkeln gelassen wird und sich somit selbst seine Gedanken machen muss, was für einiges an Unruhe sorgen kann. Marquis de Sade konnte das Werk nie vollenden (alles ab Passion 151 ist nur als kurze Zusammenfassung erhalten, welche de Sade als ersten Entwurf geschrieben hatte) und war überzeugt, es sei nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 endgültig verloren, worüber er Blut geweint hatte. 1909 wurde es schließlich auf Initiative des Sexualforschers Iwan Bloch, der in Frankreich an die originale Manuskriptrolle aus der Bastille gelangt war, erstmals auf Deutsch veröffentlicht. 1931 erschien in Frankreich erstmals eine kritische Ausgabe, 1975 wurde das Werk kontrovers als Salo verfilmt, die Handlung wurde dabei in die italienische Republik Salo gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verlagert, der Regisseur Pier Paolo Pasolini (Teorema) wurde noch vor der Premiere brutal ermordet.

Die 120 Tage von Sodom oder: die Schule der Ausschweifung ist ein extremes Werk voll von Grausamkeit, schwärzester Ironie und Dekadenz. Was Marquis de Sade hier als Kontext benutzte, um seine philosophischen Ansichten unterzubringen, ist wahrlich nichts für schwache Nerven (klingt abgedroschen, ist aber so) und es gibt durchaus Passagen, an denen man für einen Moment das Buch beiseite legen muss, so grausam werden die dargestellten Akte. Doch wer es durch die kompletten 480 Seiten schafft, der wird mit einem einmaligen Leseerlebnis belohnt, das einen ratlos, irritiert und leicht verstört zurücklässt, denn die Schilderung dieses totalitären Systems auf dem Schloss, das nur der Lustbefriedigung vierer kranker Adeliger dient, ist extrem schockierend ob ihrer schieren Unausweichlichkeit und genauesten Durchführung. Ich kann Die 120 Tage von Sodom nur wärmstens empfehlen, besonders für Liebhaber/Innen besonderer Literatur, die garantiert einen starken Eindruck beim aufmerksamen Leser hinterlassen wird.

Die 120 Tage von Sodom ist 2006 beim Anaconda Verlag neu aufgelegt worden und kann bequem hier bestellt werden.

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Und dann ist auch bald mal endlich Stefan Marek "dran".