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(Buchkritik von Maximilian Maria Kaufmann): Das Foucaultsche Pendel, oder: Der kalkulierte Wahnsinn des Umberto Eco

Es gibt Bücher, die ringen einfach verzweifelt um Aufmerksamkeit: Faust zum Beispiel. Oder Twilight. Und dann gibt es Bücher, die bekommen diese Aufmerksamkeit ohne großes Zutun der Autoren oder des Verlags. Ein solches Beispiel ist der Historienroman Das Foucaultsche Pendel des im Frühjahr leider verstorbenen italienischen Genies Umberto Eco (Der Name der Rose). War und ist diese Aufmerksamkeit seitens der Kritiker gerecht? Und wie!

Eigentlich hätte der junge Geschichtsstudent Casaubon lediglich einen Blick auf ein Manuskript für ein neues Buch über die Templer  werfen sollen. Doch ein Dokument aus dem Manuskript, welches einstimmig als Unsinn abgetan wird, reizt Casaubon sowie Verlagsbesitzer Jacopo Belbo und dessen Kollegen Diotallevi so sehr, dass sie davon ausgehend über den Verlauf mehrerer Jahre als eine Art intellektuelles Spiel die ultimative Verschwörungstheorie erschaffen wollen. Während dieser Jahre kommt Casaubon in Brasilien mit karibischer Mystik in Verbindung und führt auch eine Beziehung mit einer linksextremen Aktivistin, die ihn jedoch aus Schock nach einer der spirituellen Sitzungen verlässt.

Zurück in Mailand, begegnet Casaubon Belbo und Diotallevi wieder, deren Garamond-Verlag sich inzwischen endgültig auf okkulte Literatur spezialisiert. So kommt es, dass die drei - auch, um sich über die lächerlichen Verschwörungstheorien, die sie tagtäglich in Manuskriptform erhalten, lustig zu machen - weiter an ihrer Theorie arbeiten. Grob gesagt besagt diese, dass das anfangs gefundene Dokument ein codierter Weltherrschaftsplan der Templer sei, die im Besitz einer geheimen Energiequelle seien, die mit dem Heiligen Gral gleichgesetzt wird. Nach der Zerschlagung des Ordens zu Beginn des 14. Jahrhunderts hätten die Templer sich auf der ganzen Welt verstreut und sechs Zellen gegründet, die sich alle 120 Jahre treffen, um Informationen über den Gral auszutauschen. Nach Rechnung der drei Protagonisten hätten sich all diese Zellen 1944 am Aufenthaltsort des Heiligen Grals vereinen und endgültig die Weltherrschaft übernehmen müssen. Doch der Zweite Weltkrieg habe die Templer von ihrem Vorhaben vorübergehend abgebracht, nachdem die zeitlich verschobene Einführung des Gregorianischen Kalenders bereits im 16. Jahrhundert für Verwirrung und Kontaktverlust der einzelnen Zellen gesorgt habe. Dementsprechend hätten sich viele Splittergruppen gebildet, mit dem Ziel, gegenseitig wieder Kontakt herzustellen und das Wissen um den Gral weiterzugeben. Entscheidend für die Auffindung des Grals sei zudem das titelgebende Foucaultsche Pendel.

Die drei "Verschwörer" arbeiten mit wildesten Mitteln (wie zum Beispiel der zufallsbasierten Texteingabe ihres Computers) und was als geistreiches Spiel begann, wird allmählich zu einer Obsession und die Beteiligten ereilt allmählich vollständiger Realitätsverlust. Nach einer qualvollen letzten Arbeitsphase überreichen sie dem Besitzer des Verlags, in dem Garamond lediglich eine special interest-Abteilung darstellt, ihre Theorie als Manuskript. Der Besitzer, ein Mann namens Aglie, der Casaubon gegenüber in Brasilien angedeutet hatte, der sagenumwobene "Graf von Saint Germain" (Anm: ein berühmter Hochstapler des 18. Jahrhunderts, um den sich zahlreiche Legenden ranken) zu sein, wird jedoch beim Lesen des (scheinbar) erfundenen Namens der Geheimorganisation TRES aufmerksam, da er sich in der Tat an eine Organisation dieses Namens erinnern könne. So erklärt Belbo ihm den Großen Plan, wie ihre Verschwörung von ihnen bezeichnet wird, und behauptet, er sei im Besitz ebenjener Karte, die in Verbindung mit dem Foucaultschen Pendel den Aufenthaltsort des Grals offenlegen könne. Da er Aglie die Karte nicht zeigt, wird er von ebendiesem als Terrorverdächtiger angezeigt und gezwungen, nach Paris zu kommen, wo sich Aglie als Kopf einer spirituellen Bruderschaft namens TRES offenbart, welche den Gral finden möchte.

Casaubon kommt auch nach Paris und bei einer geheimen Versammlung von TRES muss er erkennen, dass der als Scherz verfasste Große Plan voll und ganz der Wahrheit entspricht. Aglie wird vom wahren Graf von Saint Germain vor den Augen aller getötet. Nun will der Rest von TRES Belbo zwingen, mehr über sein Wissen zum Großen Plan preiszugeben. Als er sich weigert, wird er am Foucaultschen Pendel erhängt. Der Roman endet mit Casaubon, der auf Belbos Landsitz darauf wartet, dass TRES ihn holt.

Das Foucaultsche Pendel dürfte neben Illuminatus! und Zionoco wohl das nachhaltigste Buch sein, welches ich jemals gelesen habe. Die Satire in Ecos Werk kommt schleichend und trifft den Leser beim Ritus am Schluss mit voller Härte. So entsteht die Verschwörung durch das zufällige Kombinieren verschiedenster Behauptungen und inhaltsleerer Statements (z.B. Minnie ist die Verlobte von Micky Maus), durch Spekulationen aller Art (Shakespeare war beispielsweise 'in Wirklichkeit' Deckung für einen Templer, der für Shakespeare Texte schrieb und innerhalb dieser Texte mit versteckten Hinweisen den Plan, an den Gral zu kommen, unbemerkt fortsetzen konnte) und Erfindungen aller Art sowie  Assoziationen wie den Vergleich des Lebensbaumes Sephiroth aus der Denkschule des Kabbalah (dessen zehn göttliche Ausflüsse auch die einzelnen Teile von Ecos Roman benennen) mit dem Aufbau eines durchschnittlichen Automotors, So grandios Umberto Eco hier schon die verzweifelten Versuche verschiedenster Verschwörungstheoretiker, irgendeine geschichtlicheVerbindung herzustellen, um ihre Thesen untermauern zu können, aufs Korn nimmt und bloßstellt, so extrem ist die Wende am Schluss, als sich sowohl den Hauptakteuren als auch den Lesern die gemeine Falle, die der Autor allen Beteiligten gestellt hat, klar wird. Eine solch umfassende Parodie auf Verschwörer wie auf das Genre der Parodie selbst dürfte wohl in der Geschichte erfolgreicher Literatur einmalig sein. Umberto Eco beweist zudem extremes Gespür für den Gebrauch historischer Fakten und Theorien, zitiert aus obskurester Literatur und setzt generell alles daran, auch den Leser selbst in den Bann des Großen Plans zu ziehen und ihn glauben zu lassen, an einem genialen Spiel teilzuhaben. Die Verbindung von Goethe, Hitler und Shakespeare, die Theorie von Jesus als Erfindung der vier Evangelisten, welche genau wie die drei Hauptpersonen einen Plan aus Freude am Spiel ausdachten, oder auch der Einbezug anderer Fachgebiete wie der Geologie oder gesellschaftlicher Revolutionen wie den Gregorianischen Kalender oder die linksextremen Demos der 1970er, die sich genau so auch in Illuminatus! finden lassen, verleiht dem Leser das Gefühl, mit dem Foucaultschen Pendel eine geniale Paraphrasierung von 2000 Jahren Menschheitsgeschichte vor sich zu haben.

Der Text nimmt sich dabei nie allzu ernst und vermag die meiste Zeit, den Leser davon abzuhalten, komplett in die dargestellte Welt einzutauchen. Hierfür funktioniert das Ende wieder großartig, da es diese auf über 700 Seiten gewonnene Sicherheit komplett zerstört und einem mit Gedanken wie Was, wenn doch...? zurücklässt. Das Foucaultsche Pendel ist eines meiner Lieblingsbücher schlechthin und ich empfehle jedem, der diese Kritik lässt, sich dieses Buch auszuleihen, zu kaufen oder was auch immer, um zu begreifen, was das oft zitierte Spiel von Fakten und Fiktion in der Kunst wirklich ausmacht (nicht umsonst hielt der Autor selbst dieses Buch für sein bestes). Umberto Ecos Roman kann nicht wie ein x-beliebiger anderer gelesen werden, nein, um die Essenz des Werkes auch nur zu erahnen und die Absichten des Autors annähernd völlig begreifen zu können, muss man ihn leben, jede einzelne Seite einatmen und das geschriebene Wort des genialen Italieners auf sich wirken lassen - es zahlt sich aus!

Copyright: dtv Verlag

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